Warum ich Kyūsho kann, aber kein „Kyusho-Jitsu“ mache

  • „Kyusho-Jitsu“ ist nicht neu, es ging auch nicht verloren. Es ist ein durch Exotisierung neu geschaffener Name.
  • Kyūsho bedeutet weder „Sekundenkampf“, noch ist der Begriff per se auf die Arbeit mit Nerven- oder Schmerzpunkten bezogen. Seine Bedeutung ist kontextabhängig und unterliegt Zuschreibungen. „Kyusho-Jitsu“ ist daher auch keine Kunst irgendwelcher „alten Meister“, denn die Bezeichnung entspringt westlicher Aushandlung.
  • Erst die Verwendung von Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt dem „Kyusho-Jitsu“ seine Wirksamkeit und Legitimität. Die TCM selbst erlangte ihre Gestalt während des 20. Jhdts.
  • „Kyusho-Jitsu“ ist sowohl durch seinen Namen wie auch seine äußere Erscheinung und Distribution institutionalisiert und bildet dadurch eine eigenständige, moderne Kampfkunst aus. Einen inhärenten Bestandteil traditioneller Kampfkünste kann sie außer auf Basis konstituierender Zuschreibungen nicht bilden, da die Kampfkünste selbst modern sind und in ihrer Praxis bisher ohne „Kyusho-Jitsu“ auskamen.

Kyūsho ist in aller Munde — oder besser „Kyusho-Jitsu“, wie es genannt wird. „Nervendrucktechniken“ zu üben ist (wieder) en vogue. „Wieder“, denn im Grunde ist das nichts Neues, erfährt aber gegenwärtig durch wieder-exotisierende Zuschreibungsprozesse eine Renaissance. Ein weiterer Name dafür ist „Vitalpunktstimulation“, über die man bis vor kurzem auf höchstens ein bis zwei Seiten am Ende sog. Kampfsportbücher lesen konnte. Dort war i.d.R. eine Abbildungen einiger weniger Punkte am menschlichen Körper zu finden. Diese Punkte — wie z.B. der Kehlkopf, der Solarplexus oder die Hoden waren zu jener Zeit weder geheimnisvoll noch besonders spektakulär. Heute ist Kyusho-Jitsu umso komplexer, bezieht die Meridiane und Punkte ein, die Gegenstand der Akupunktur sind. Um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben, liest und hört man — auch seitens der Ausübenden — von „Kyoshu“, „Kyushu“ und „Kyosho“ (sic!). Wie auch immer geschrieben, transkribiert und interpretiert: Beschrieben und konstruiert wird Kyūsho gegenwärtig als „das Wissen der alten Meister“ und damit als etwas verloren Geglaubtes wiederentdeckt. Doch was steckt wirklich dahinter? Und wieso kam und kommt man bis heute im Kampfsport seit Jahrzehnten auch ohne jenes „Wissen“ aus?

Ich gehe solchen Fragen gerne zunächst sprachlich auf den Grund. „Kyūsho“ ist die lautsprachliche Wiedergabe des japanischen Wortes 急所. Transkribiert nach Hepburn (wie außerhalb Japans üblich) als kyūsho (auch: kyûsho oder kyuusho) sind andere Schreibweisen und Aussprachen damit wohl zunächst passé bzw. sogar irreführend. In seiner lexikalischen Bedeutung erfasst 急所 sowohl einen „vitalen Punkt“ (des menschlichen Körpers) als auch den „springenden Punkt“ (einer Angelegenheit) (vgl. http://www.wadoku.de/entry/view/1458462). Die Bedeutung von 急所 ist also zunächst kontextabhängig. Um exklusiv als „das Wissen der alten Meister“ zu gelten, muss also ein Zuschreibungsprozess erfolgen, der einen recht allgemeinen Begriff zu einem spezifischen Namen wandelt. Dies ist eine sprachphilosophische Leistung und weniger die Folge einer (zumeist angenommenen) historischen Wahrheit. Historisch gesehen ist jenes exklusive kyūsho — bzw. „Kyusho-Jitsu“ — eine Erfindung des 20. Jhdts., die durch die Rückbindung an jene „alten Meister“ transzendiert und somit legitimiert wird. Tatsächlich beginnen die Rezeptionslinien des sog. Kyusho-Jitsu bei George A. Dillman, der als einer der ersten mit „pressure point fighting“ von sich reden machte und die Arbeit mit den kyūsho zu institutionalisieren und zu kommerzialisieren begann. Das ist zunächst nichts Schlechtes, denn „kommerzialisieren“ bedeutet, Geld für eine Gegenleistung zu verlangen, um diese Gegenleistung zu finanzieren.

Um auf der sprachlichen Ebene zu bleiben, wenden wir uns dem „Jitsu“ zu. Gemeint ist wohl 術 (jutsu), das als „Kunst“, „Technik“ oder „Kniff“ wiedergegeben werden kann (vgl. http://www.wadoku.de/entry/view/9919064). Es geht um eine Fertigkeit, wie sie z.B. für ein Kunsthandwerk Voraussetzung ist. Hier findet ein Abgrenzungsprozess statt, der das vermeintlich pragmatischere Kriegshandwerk der samurai (vor 1868) von den oftmals als „traditionell“ aber auch als „versportlicht“ bezeichneten Kampfkünsten (nach 1868) scheiden möchte. Jene Pragmatik soll sich auch in der Bezeichnung niederschlagen: Die „Kunst“ (jutsu) wird vom „Weg“ (道, ) als kämpferisch überlegen abgegrenzt. Bujutsu gegenüber budō, kenjutsu gegenüber dem kendō, jūjutsu gegenüber dem jūdō usw. Hier ist auch das „Karate-Dō“ anzusiedeln, daß wiederum dem vermeintlich auf Gewalt abzielenden „Karate“ gegenüber als moralisch überlegen verortet wird. (Die o.g. Abgrenzung erfolgt im Kontext des Karate also andersherum.) Daher wird „Kyusho-Jitsu“ (oder korrekt transkribiert kyūsho jutsu) als eine technische Fertigkeit konstruiert, die den historisch jüngeren „Weg-Künsten“ selbstverständlich (aufgrund ihrer „Aura des Alten“) überlegen sein muss. Die Transkription von jutsu als „Jitsu“ resultiert dabei aus einer älteren Schreibweise, die vermutlich dem angelsächsischem Sprachraum entstammt. Das ist insofern problematisch, da jitsu nach Hepburn u.a. die lautsprachliche Wiedergabe des japanischen 実 ist, was „Wahrheit“ bedeutet (vgl. http://www.wadoku.de/entry/view/698953). 

Allerdings ist die gleichzeitige Verwendung verschiedener Transkriptionssysteme ein nachrangiges Problem. Problematisch ist eher die Konstruktion einer eigenen Kategorie bzw. Form von Kunstfertigkeit oder einer eigenen Kampfkunst — nämlich „Kyusho-Jitsu“ — sowohl durch Sprache als auch durch die Institutionalisierung des Namens. Kyūsho ist aus japanischer Perspektive dagegen eher ein Beiwerk oder ein Teilbereich, der jedoch kaum institutionalisiert bzw. formalisiert wird. Solche Teilbereiche werden eher nicht als jutsu sondern i.d.R. als 法 () bezeichnet, die Bezeichnung kyūsho-hō in Japan die eher gebräuchliche. Weiterhin funktioniert die Legitimation als pragmatische(re) jutsu gegenüber dem nicht wirklich, da sich das qualitative Scheiden von budō und bujutsu rein anhand einer Datumsgrenze nicht durchführen lässt. Kyūsho jutsu bzw. Kyusho-Jitsu ist eine moderne Konstruktion und keine historische Entität. 

In der Bedeutung flottiert Kyusho-Jitsu wie bereits gesagt unter vielen weiteren Namen, wie „Vitalpunktstimulation“ oder „Nervendrucktechniken“ (analog zum englischen „pressure point fighting“). Eine weitere, exklusivistische Übersetzung lautet:

„Kyusho-Jitsu bedeutet in erster Linie Sekundenkampf oder erste Sekunde.“

(http://kyusho-international.com/kyusho-deutschland/was-ist-kyusho/)

Diese „Übersetzung“ ist dabei keine, die 急所 gerecht wird, denn selbst eine Übersetzung der einzelnen Zeichen lässt diese konkrete Bedeutung nicht oder nur mit sehr, sehr viel Interpretationsspielraum zu:

 {きゅう}

1 Schnelligkeit; Reißend. 

2 Plötzlichkeit. 

3 Bevorstehen; Drohen. 

4 Steilheit; Schroffheit. 

5 Ernsthaftigkeit; Strenge. 

6 Ungeduld; Hast. 

7 Notfall; dringender Fall; Gefahr; Krise; Not. 

8 Eile; Dringlichkeit. 

9 gefährliche Angelegenheit. 

10 Unterhaltungskünste Finale; dritte Phase im Spannungsverlauf eines Theater‑ oder Musikstückes.

(http://www.wadoku.de/entry/view/1511366)

 {しょ}

1 Ort; Platz; Stelle. 

2 Zuhause. 

3 Adresse. 

4 Gebiet; Ort. 

5 Punkt; Teil; Passage. 

6 freier Platz; Raum. 

7 Zeit; Moment.

(http://www.wadoku.de/entry/view/5521393)

Zumal eine an den Komposita orientierte Übersetzung eines japanischen Begriffes zunächst der lexikalischen Bedeutung des Begriffes nachgeordnet ist. Die Übersetzung „Sekundenkampf“ oder „erste Sekunde“ ist somit ein weiteres Konstrukt, oder um es direkt zu sagen: ein Phantasieprodukt. Allgemein wird kyūsho übersetzt als „Schwachstelle“ bzw. „jmds. Schwachpunkt“. Die dem Kyusho-Jitsu zugeschriebene kämpferische Qualität kann also kaum aus der Übersetzung allein resultieren, auch wenn diese durch ihre Kommunikation über zahlreiche Webseiten und Publikationen durchaus wirkmächtig ist. 

Mit der sprachlichen oder diachronen Analyse lässt sich das Problem allerdings ebensowenig lösen, denn soziale Realitäten ent- und bestehen vor allem durch ihre gegenwärtige Praxis. Und Kyusho-Jitsu hat sich sowohl als Name als auch institutionell etabliert. Der Verweis auf Fehler in der Übersetzung, die korrekte historische Einordnung oder Transkription haben wohl kaum genug Gewicht, die gegenwärtige Praxis des Kyusho-Jitsu umzukehren und aus der Geschichte zu tilgen.

Es sind weniger die Übersetzungen als die der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) entlehnten Erklärungs- und Veranschaulichungsmodelle, die legitimierend wirken. Kenntnisse medizinischer Behandlung und eines möglichen destruktiven Potenzials entfalten hier eher die gewünschte Wirkmacht als die Exotik japanische Begriffe per se. Allerdings ist in Zweifel zu ziehen, ob jene „alten Meister“ über eine fundierte Ausbildung in der TCM des 20. Jhdts. verfügten. Denn jene ist zum einen in ihrem gegenwärtigen Verständnis ein Exportschlager des Mao-Regimes. Zum anderen ist es eher spekulativ anzunehmen, die medizinischen Fakultäten wie z.B. in Heidelberg würden aus ihrer Erforschung der TCM heraus das Kyusho-Jitsu als medizinisch fundiert bestätigen. Vielmehr sollte man sich die Frage stellen, wie kyūsho hō im Rahmen des Trainings verschiedener Schulen tatsächlich zum Einsatz kam und heute noch kommt. Ob dort, wo man sich mit den kyūsho befasst, der Begriff selbst überhaupt fällt. Und warum sowohl die traditionellen wie auch die modernen Selbstverteidigungssysteme und Ringkampfsportarten so lange ohne Kyusho-Jitsu auskamen (und noch heute auskommen). Was sich zweifelsfrei feststellen lässt: Es gibt einen Absatzmarkt für Kyusho-Jitsu. Wer also rezipiert oder „kauft“ Kyusho-Jitsu?

Die Abwesenheit dezidierten Wissens über Sprache, Geschichte und Bewegungsphysiologie innerhalb der größeren Karate-Institutionen bspw. hat ein Vakuum geschaffen, das durch Kyusho-Jitsu ausgefüllt wird. Wo finden wir sonst Kyusho-Jitsu? Wohl kaum in den MMA oder den japanischen Schwertschulen. Wir finden mehrheitlich die Akteure asiatisch inspirierter Selbstverteidigung und die auf eine sportliche Basis gestellten Kampfkünste wie Karate, Kempo oder das deutsche Ju-Jutsu bzw. Jiu-Jitsu. Dort ist die Akzeptanz groß, die mit modernen Bezeichnungen für Akupunkturpunkte versehenen Körperstellen zu schlagen, zu drücken oder zu reiben, um den zugeschriebenen, kämpferisch nutzbaren Effekt zu erzielen. Und es scheint, als ob sich diese Akzeptanz auf die Domäne der sog. „traditionellen, japanischen (oder japanisch inspirierten) Kampfkünste“ beschränkt. Ich möchte diese neue Symbiose eines institutionalisierten Kyusho-Jitsu mit den sportlichen Kampfkünsten schon fast wechselseitig parasitär nennen: Jene Kampfkunst-Derivate bekommen den ihnen nachgesagten — aber durch eine inhaltliche Verflachung (z.B. durch eine sportliche Orientierung) bzw. eine „Verwestlichung“ abhanden gekommenen — Pragmatismus zurück. Die Vertreter des Kyusho-Jitsu schaffen sich dadurch eine Absatzmöglichkeit für ihr modernes Produkt, nämlich jenes „verlorengegangene Wissen“. Es geht also in erster Linie um die Schaffung von Identität und Hegemonien durch einen künstlichen Wissensvorsprung mittels Rückbindung an idealisierte Vergangenheiten und einer vermeintlichen Wissenschaftlichkeit.

Während ein angenommener Wissensverlust ausgeglichen wird, werden gleichzeitig angenommene Transzendenzen ausgehöhlt: Worin bestehen eigentlich die Traditionen des Karate, wenn ein erheblicher Teil des „Wissens“ bisher fehlte, das jetzt durch Kyusho-Jitsu nachgereicht wird? Können Ju-Jutsu bzw. Jiu-Jitsu die Kampfkünste der samurai wirklich weitertragen, wenn deren Inhalte doch gar nicht Gegenstand der Ausbildungs- und Prüfungsprogramme sind? Folglich muss Kyusho-Jitsu doch eine eigenständige Kampfkunst sein, denn sie war bislang nicht Teil dessen, was Karate, Jiu-Jitsu etc. in den vergangenen Jahrzehnten beinhalteten. Diesem Schluss wird entgegnet, daß Kyusho-Jitsu keine eigenständige Disziplin unter den Kampfkünsten sei, sondern jeweils deren inhärenter — wie erwähnt verlorengegangener — Bestandteil. Allerdings ist diese Behauptung anhand der Existenz eigener Verbände, Graduierungen, Prüfungsordnungen für Kyusho-Jitsu und dem Habitus, spezielle Bekleidung zu tragen, bereits ad absurdum geführt. Anders gefragt: Kann eine „eigenständige Kampfkunst“ denn heute jenseits institutioneller und formeller Strukturen überhaupt existieren? Wenn in der Praxis ein Schwarzgurtträger in weißer Trainingskleidung den Raum betritt, um diesen gleich darauf wieder zu verlassen um in schwarzer Trainingskleidung und einem grünen Gürtel zurückzukehren, während ein großer Patch auf der schwarzen Jacke den Schriftzug „Kyusho“ aufweist, ist das ein weiterer, eindeutiger Hinweis. (Dieses Beispiel ereignete sich auch im Kontext einer beginnenden kobudō-Stunde auf die exakt selbe Weise.) Kyusho-Jitsu bildet de facto eine eigenständige Kampfkunst, da sie über entsprechende institutionelle, kommunikative und distributive Strukturen verfügt, sowie einen klar auszumachenden Entstehungszeitraum und damit eine eigene Geschichte. Darüber hinaus stiftet sie Identität und Community. 

Möglicherweise interessiert den geneigten Leser jetzt, wie ich zu der Praxis des Kyusho-Jitsu bzw. kyūsho hō stehe. Oder ob und wie ich eine Form von kyūsho hō in meinem Training vorsehe. Die Antwort ist eine, die mein geschätzter Freund und Kollege Andreas F. Albrecht (www.karate-wiesloch.de) auf solche Fragen zu geben pflegt: Sowohl als auch und weder noch.

Ohne die Zuschreibungen und Synkretismen sehe ich den Begriff kyūsho als das, was er in der allereinfachsten Übersetzung bedeutet bedeutet: den Dreh- und Angelpunkt einer Sache. Was ist ein solcher Angelpunkt oder „crucial point“ in meinem Training? Dazu gehören auf der einen Seite Kenntnisse vom Verlauf und Funktion von Bewegungsachsen und muskulärer bzw. faszialer Ketten am menschlichen Körper, entlang deren Verläufen sich Bewegungen entfalten. Ebenso gehören dazu Kenntnisse, wie diese Verläufe zu stören und zu manipulieren sind. Die daraus resultierende Vorgehensweise sieht bestimmte Stellen (kyūsho) am menschlichen Körper vor, an denen diese Störungen besondern einfach zu implementieren sind. Dazu sind weniger die Leitbahnen (Meridiane) nützlich, wie sie in der TCM verwendet werden, als vielmehr zu wissen, welche Strukturen Kraft entsteht lassen und welche sie weiterleiten. Oder wie sich Mobilität und Stabilität bedingen und zu funktionaler Bewegung ergänzen. Damit lassen sich sowohl die kämpferisch wie auch therapeutisch nutzbaren Settings eines Kampfkunst-Trainings abdecken. Kampfkunst ist immer eine Angelegenheit von Dynamik. Menschliche Bewegungen können nicht eindimensional beschrieben oder fixiert werden. Ein isolierter Punkt auf dem Arm, der evtl. ein bisschen weh tut? Wenn der andere still hält, ja.

Ein weiterer Bereich, der durch das bestehende Angebot des Kyusho-Jitsu nicht abgedeckt zu werden scheint, aber einen großen Teil meines Trainings ausmacht, sind Waffen. Jene Achsen und Verläufe sowie die dazugehörigen Winkel und Distanzen werden durch das Training mit Waffen illustriert und um vieles erweitert. Darüber hinaus spielen Trefferzonen in Anlehnung an gerüstete Gegner eine große Rolle (im Vergleich zur „modernen“ Selbstverteidigung). Solche Punkte, die z.B. durch eine Rüstung nicht vollständig abgedeckt werden können, stellen einen wunden Punkt, eine Achillesferse, eben einen kyūsho dar. Pragmatismus und Training, die das Handling der Waffe(n) vermitteln, sind dabei das Wesentliche. Vergleicht man damit die Demonstrationen von Schlägen an die Kinnspitze oder in die Ellbeuge eines kooperativen Gegners und dessen K.O., muss letzteres lächerlich wirken, zumal sich in der Praxis herausgestellt hat, daß oftmals nur die eigenen Schüler oder für Suggestionen empfängliche Menschen zu solchen Vorführungen herangezogen werden. Der kämpferische Wert solcher K.O.s ist in Frage zu stellen angesichts eines aggressiven, eines gerüsteten oder — ganz einfach — eines sich bewegenden Gegners.

Allerdings bedeutet dies nicht, daß solche Demonstrationen völlig wirkungslos sind. Vermehrte Schläge auf bestimmte Stellen des Körpers haben eine kumulative Wirkung und erweisen sich auf lange Sicht als problematisch für die Gesundheit. Hier werden Grundsätze außer Acht gelassen, die die Gesundheit der Akteure garantieren sollen. Bzw. fehlt dem Kyusho-Jitsu — so wie es sich präsentiert — die Fähigkeit, die Gesundheit zu pflegen. Denn neben der manipulativen und destruktiven Komponente (殺, satsu) fehlt oft die heilende (活, katsu), die zusammen 活殺 (kassatsu) bilden: die Balance von „Leben und Tod“.

Kyusho-Jitsu bildet eine eigene Entität, da es alle strukturellen Merkmale einer Kampfkunst der Gegenwart ausweist, während gleichzeitig die Rückbindung an eine konstruierte Geschichte und an die Chinesische Medizin für Legitimität und Expertentum garantiert. Weiterhin ist Kyusho-Jitsu in seiner Praxis auf waffenlose Selbstverteidigung ausgerichtet, wo sie die auf diesem Gebiet defizitären asiatischen Kampfsportarten als Markt verwendet, um das Produkt, das als „das Wissen der alten Meister“ gebrandet ist, abzusetzen. Dies ist jedoch nicht grundsätzlich etwas Negatives, da viele Freizeitbeschäftigungen (und damit auch die Kampfkunst) für eine noch so geringe Gegenleistung bezogen wird. Kritisch zu hinterfragen ist jedoch die entgegen jeder sprachlichen, historischen und bewegungsbezogenen Fakten konstruierte Realität des Kyusho-Jitsu. 

Ich werde also weiterhin in meinem Training jene kyūsho verwenden und unterrichten, die ich weiter oben skizziert habe, um die durch das Training vermittelten Bewegungen auf den menschlichen Körper anzuwenden und so  Achsen, Verläufe, Winkel und Distanzen zu beeinflussen. Und zwar um der einerseits kraftorientierten Technik des „Budo-Sports“ zu entkommen, wie auch andererseits der Neu-Verzauberung der romantischen Vergangenheit mittels fiktiver „alter Meister“.