Stephan Yamamoto: „Die Verkörperlichung impliziten Wissens – Japanische Martial Arts als material verfasste religionsanaloge Formationen“

Stephan Yamamotos Abschlussarbeit am Institut für Religionswissenschaft ist online verfügbar:

 

Abstract

Die Rezeption der Martial Arts als eine Religion oder ein „Weg des Lebens“ verweist auf die ihnen zugeschriebenen Möglichkeiten für eine Optimierung des Selbst durch Spiritualisierung oder Selbstermächtigung, wie sie von religiösen Akteuren außerhalb religiöser Institutionen gesucht wird. Diese und vergleichbare Zuschreibungen lassen sich bereits mittels oberflächlicher Recherchen auf Google finden.

Neben den athletischen Zielen körperlichen Trainings ist die Möglichkeit zu einer umfassenden Selbstoptimierung ein häufig anzutreffendes Abgrenzungsmerkmal vor allem asiatischer bzw. asiatisch inspirierter Martial Arts gegenüber der als dezidiert „westlich“ verorteten Sportarten wie bspw. Fußball. Martial Arts in diesem spezifischen Kontext zu untersuchen setzt voraus, dass an möglicherweise religiöse Formationen als „Lebensweg“ nicht phänomenologisch oder anhand struktureller Merkmale heranzutreten ist, sondern dass die Lebenswelt ihrer Akteure zu zeigen ist. So lässt sich Erkenntnis darüber gewinnen, auf welche Weise die Martial Arts eine globale Verbreitung erfahren. Spirituelle Zuschreibungen an kämpferische Handlungen und Gesten können aber auch als nicht mehr zeitgemäß ggü. dem Fortschritt der Militär- und Waffentechnologie bewertet werden. Daraus resultiert auch der diskursive Gegensatz zwischen „traditionellen“ und modernen Martial Arts hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit in der „Realität“.

Die Frage, der diese Arbeit nachgehen wird, lautet daher: Wie werden Martial Arts in der Gegenwart materialisiert, um als religionsanalog rezipiert werden zu können? Um diese Frage zu beantworten, sollen die Prozesse beschrieben werden, die Martial Arts auf einem ähnlichen Weg vermitteln, wie es mit religiösen Vorstellungen und Praktiken geschieht. Das dieser Beschreibung zugrundeliegende Religionsverständnis ist ein kulturwissenschaftliches, da nicht das vorgenannte „spirituelle Selbst“ oder hagiographische — und damit essenzialisierende — Beschreibungen der Leben gegenwärtiger und vergangener Persönlichkeiten hinsichtlich eines Wahrheitsgehaltes bestimmt werden. Vielmehr es soll eine Beschreibung der kommunikativen Prozesse unter Verwendung von Artfakten, rituellen Räumen und des menschlichen Körpers erfolgen, aus denen die eingangs erwähnten Zuschreibungen einer Selbstoptimierung resultieren können.

Diese Arbeit wird zeigen, dass es sich bei Martial Arts aus religions- bzw. kulturwissenschaftlicher Perspektive um religionsanaloge Erfahrungskonzepte handelt, die mittels konkreter Praktiken eine von außen beschreibbare Gestalt erlangen. Diese Praktiken sichern den Akteuren die Teilhabe an einem als transzendent wahrgenommenen „Lebensweg“ ebenso zu, wie die rituelle Transformation des individuellen Selbstverständnisses zu einem optimierten Selbst. Religionen — und damit auch Martial Arts — werden im Verlauf dieser Arbeit als Formen impliziten Wissens skizziert, deren Vermittlung durch Medien erfolgt und über die Einschreibung in den Körper material verfasst werden.