„Kreuzgang“ oder „Passgang“? – Essenz eines Shushukan Budo Seminars

Auf dem ersten Shushukan Budo Seminar 2018 („Körper- und Strukturarbeit und deren Übertragung auf die eigenen Grundlagen“) befassten wir uns hauptsächlich mit der Bewegung aus der diagonalen Achse heraus. Dies war ein komplexes Thema, denn die japanischen Kampfkünste lehren anfangs überwiegend den sog. „Passgang“. Am Beispiel des Oi-Zuki des Karate bedeutet dies, daß Arm und Bein der selben Seite an der Gangbewegung beteiligt sind:

Quelle: asaikarate.com.

Damit sind weitere Eigenschaften der Karate-Methodik verknüpft: Die im Shotokan gepflegte Erzeugung von Kraft durch (a) die gleichzeitige Ankunft von Faut und Fuß am Endpunkt der Bewegung, (b) das Abstoßen vom hinteren Bein, das dem Schlag Schnelligkeit („Explosivität“) verleihen soll und schließlich (c) „die Hüfte“ als Ursprung der Technik und deren Kraft (z.B. gegenüber einem Schlag nur mit der Kraft des Armes):

Quelle: www.karatekas.com.

Statt dessen verschoben wir den Fokus auf den Einsatz des Oberkörpers beim Schlagen mit der Faust, die Führung von Stock und Schwert und dem Kuzushi (d.h. der Manipulation der gegnerischen Positur). Die sog. „Hüfte“ und die Arbeit der Beine wurden dabei nicht nur vernachlässigt, sondern mehr oder weniger vermieden. So entsteht zwangsläufig die selbe Bewegung (und der Gebrauch anderer Muskeln) wie sie beim „Kreuzgang“ auftreten. Mit „Kreuzgang“ ist die natürliche, menschliche Gangbewegung gemeint, bei der die Arme diagonal versetzt zu den Beinen schwingen:

Quelle: www.clinicaeitel.com.

Beim menschlichen Gang erfolgt kein Abstoßen vom hinteren Bein, sondern ein Vorwärtsfallen und ein Auffangen mit dem nach vorne schwingenden Bein. „Die Hüfte“ oder „Explosivität“ spielen dabei keine Rolle. Wie sollte sie auch? Es gibt „die Hüfte“ nicht einmal. Was „die Hüfte“ drehen lässt, sind die Muskeln, die die Oberschenkel rotieren. Was es gibt, sind die Hüften, denn der menschliche Körper benutzt beide Hüftgelenke in der Gangbewegung. Das Gehen beinhaltet ferner eine Verdrehung des Oberkörpers bedingt durch die Arbeit der diagonalen und über ein entsprechendes fasziales Netzwerk angelegten Muskulatur, dem vorderen (anterior) und dem hinteren (posterior) diagonalen (obliquen) System:

Quelle: theprehabguys.com.

Diese „Slings“ sind die Träger u.a. der Gangbewegung. Sie rotieren den Körper auf der thorakalen Ebene (d.h. dem Bereich der Brustwirbelsäule). Diese Rotationsbewegung lässt uns bspw. vom Rücken auf den Bauch drehen (u.u.). (Für die Traditionalisten unter uns: Das nennt sich im modernen okinawanischen Karate „Gamaku“.) Auf dem Seminar haben einfache Tests gezeigt, daß die Rotation bei den meisten Teilnehmern nicht vom Rumpf sondern von einer Bewegung der Beine ausging, das oblique System also nicht ausreichend funktionierte. Die Ursache lag aller Wahrscheinlichkeit nach in einer vorangegangenen übermäßigen Betonung „der Hüfte“ (und damit der Beine) als Ursprung der Kraft. Dafür muss allerdings die thorakale Verdrehung verhindert, der Rumpf also en bloc gehalten werden. Dies bedeutete auch, daß die Schlagbewegung ihre Kraft oft aus der Kopplung von Nacken und Schultern bezog, während die Drehung der Oberschenkel (vermeintlich „der Hüfte“) für Stabilität sorgen sollte. Die „Mitte“ des Körpers, d.h. der Bereich zwischen Rippen und Beckenkamm war oftmals verspannt und damit unfunktional. Es bestand also keine Verbindung zwischem dem Ober- und Unterkörper. Einfache Stabilitätstest an der schlagenden Hand zeigten, wie wenig Kraftübertragung durch jenen Gebrauch der Struktur tatsächlich zustande kam. Dieses unfunktionale Muster war nur mit der Bewußtmachung des obliquen Systems zu korrigieren:

Darauf aufbauend ließen verschiedene Übungen zur Rotation der Oberkörpers und die Entkopplung von Beinen und Oberkörper beim Schlagen in der Vorwärtsbewegung sowie geeignete Partnerübungen zur Struktur erspüren, welche untergeordnete Rolle „die Hüfte“ spielen, und wie fatal sich die Verdrehung der Knie in Verbindung mit einer Supination der Füße auf die Stabilisierung des Körpers auswirkten.

Quelle: www.thion-medical.com.

Sobald die Kraft aus „der Hüfte“ zu generieren vermieden wurde, war es den meisten Teilnehmern nach einiger Übung möglich, die Struktur ihres Körpers zu nutzen, um scheinbar „magische“ Dinge zu vollbringen:

Ein kurzer Blick in die Ausführung des Oi-Zuki, wie er in anderen Schulrichtungen des Karate gepflegt wird, zeigt, wie (im Gegensatz zum Schotokan) durch die flexible Verbindung von Rumpf und Beinen die diagonale Rotation zum Einsatz kommt. D.h. der Körper verdreht mit dem Schritt vorwärts, das oblique System reagiert mit der Schlagbewegung aus der Ent-Drehung, was durch das Timing des Kreuzganges erst ermöglich wird:

Zum Vergleich nochmals das Shotokan, mit der Betonung auf dem gleichzeitigen und hier sehr gestampftem Aufsetzen. Das oblique System wird neben der Anspannung zusätzlich durch das forcierte Ausatmen in seiner Funktion behindert. Kraft wird also durch übermäßige Beanspruchung des Systems „gefaked“:

Ich könnte weiter ins Detail gehen, was jedoch zu einer Fülle von Text führen würde. Es ging beim Seminar darum, den Körper anhand seiner Struktur mittels einer Körperarbeit zu erfahren, die auf die Anwendung in den und der Verbesserung der eigenen Budo-Techniken ausgelegt ist. Das Ziel war, den organischen Pragmatismus kennen zu lernen, der den Techniken des japanischen Budo zugrunde liegt. Das ist die Idee unseres Karate-Trainings und des Shushukan Budo.

Die Inspiration der Seminarinhalte stammt aus verschiedenen Quellen, von denen ich exemplarisch eine nennen möchte. Solche Übungen bereiten den Körper weitaus besser auf das Budo-Training vor als jegliche herkömmliche Gymnastik (Laufen, Koordinationasspielchen usw.) oder „Krafttraining“ (Liegestütz, Sit-ups usw.). Die Verwendung des obliquen Systems ist hier die notwendige Voraussetzung, um sich fließend zu bewegen:

Die Erkenntnisse des Seminars waren also:

  • Es gibt nicht „die Hüfte“. Folglich kann „die Hüfte“ keine Kraft erzeugen.
  • Die Krafterzeugung einer (Karate)Technik resultiert aus funktionaler menschlicher Bewegung und damit den diagonalen Slings.
  • Verdrehung und Ent-Drehung sind die Schlüsselkomponenten der Budo-Techniken.
  • Stabilität (im obliquen System) kommt vor Krafterzeugung (Perry Nickelston).

Bild- und Videoquellen