Karate = Tanz = Spiritualität? Tanz = Spiritualität = Karate?

  • Mein geschätzter Freund und Kollege Andreas F. Albrecht (Keikokan Wiesloch) schrieb auf seiner FB-Seite kürzlich etwas zum Maori-Tanz der Krieger, der auch unter der Bezeichnung „Haka“ international populär geworden ist:

Haka ist Form. Es ist Poesie und Tanz, Schauspiel und Emotionsmanagement. Haka ist nicht nur einfach „wild“, sondern folgt strengen Regeln und fordert doch unbedingt auch individuellen Ausdruck, selbst während einer Gruppenperformance. Haka ist Ausdruck von Körper, Seele und Geist. Vieles erinnert bei den Hakas an Karate-Katas.
Atem und Bewegung, Haltung und Kiai sind zu einem eindrucksvollen Ganzen verschmolzen. […]
Man sieht aber auch Bewegungen, die an YamaKamae, ManjiKamae oder Elemente der Kata Heian/Pinan Sandan erinnern.

Der Hula-Tanz

Vor einiger Zeit schon habe ich auf meinem privaten Profil eine kleine Doku über den Hula-Tanz geteilt, der von Männern getanzt wird und somit ein Statement macht gegen die populäre Auffassung, Hula sei Unterhaltung und nur etwas für Frauen:

Der „touristische“ Frauen-Hula hat sein Gegenstück in einem Tanz, dessen Wesen mich an eine Diskussion erinnert, die Andreas und ich vor einiger Zeit führten, nämlich über den Begriff des „Spirituellen“ im Karate. Ich selbst habe mich des Begriffes „Spiritualität“ im Kontext meines Trainings entledigt, da er m.E.n. schwierig wenn nicht sogar irreführend ist.

Karate und Spiritualität

Als Religionswissenschaftler habe ich mit der Tatsache, daß Traditionen gerade im Bezug auf Karate immer kontruiert sind, intensiv auseinandersetzen müssen – was eine „Entzauberung“ meines Karate in der Praxis zur Folge hatte. Im Ergebnis ist der „spirituelle Kern“ einer Sache immer ein Produkt von Setzungen, die nicht vom Himmel gefallen sind. Sie sind von Menschenhand geschaffen, wozu auch eine „Seele“ oder jede andere Essenz zählen muss.

Diese Einsicht dient jedoch weniger dazu, „Gott zu widerlegen“. Sie ist der Beginn eines Verstehens von dem, was mit der Kategorie „Spiritualität“ bezeichnet wird. Was zählt ist nicht, was etwas „wirklich ist“, sondern, was es in der Praxis mit den Menschen auf der intellektuellen, der emotionalen, der affektiven und sogar der materialen Ebene macht. Und was Menschen daraus wiederum machen. Diese Prozesse sind beschreib-, erfahr- und damit belegbar. Sie lassen sich von Generation zu Generation als eine Form der „embodied practices“ weitergeben. Wozu das alles, wenn eine mögliche „Gotteserfahrung“ gar nicht relevant dafür ist? Die Antwort kann auf vielerlei verweisen: auf die Bewältigung von Kontingenz und Krisen, auf die eigene Optimierung oder den Erhalt von Werten und Normen. (Gerade Letzteres sichert Gemeinschaften einen evolutionären Vorteil.)

Karate und Tanz als „embodied practices“

Spirituelle Setzungen erfolgten bereits in den 70ern und 80ern des 20. Jahrhunderts mit der Aussage, „Karate ist mehr als nur ein Sport“. Nur was jenes „Mehr“ eigentlich umfassen sollte, wollte oder konnte niemand so richtig erklären. Jemand war da mal kräftig in die „Spiritualitätsfalle“ getappt: Eine Sache „ist dann einfach das was sie ist“, was Erklärungen scheinbar überflüssig werden lässt.

Als Unterrichtende stehen Andreas und ich nach wie vor dem Problem, dieses „Mehr“ auch vermitteln zu müssen. Dabei sind für mich Begriffe wie „Geist“ oder „Seele“ wenig hilfreich. Meine Erfahrung zeigt, daß sie eher verwirren, denn eine „Seele“ muss zuerst in ihrer Existenz angenommen werden, da alle Argumentation auf ihrem Begriff aufbaut. Der Körper muss dies nicht, denn er ist bereits da. Er ist erfahr- und spürbar – im wahrsten Sinne.

Um beim Beispiel des Tanzes zu bleiben, bediene ich mich wiederum beim überlieferten Hula:

Our dances mimick the whipping of the wind and the pounding of the rain. On the outside it looks like it’s just entertainment […] Your are watching the physical manifestation of the spiritual world that we inhabit. We are completely woven into our community […] We dance for the only audience that matters – our ancestors.

Die Verortung des Hula als Körperpraxis geschieht in der Funktion der Gemeinschaft und ihrer Deszendenz (der Ahnen), die den Fortbestand der Identität und die Sicherheit vor klimatischen Extremen sichern.

Unser Karate-Training sollte m.E. unter dem selben Gesichtspunkt betrachtet werden, ohne auf Selbstreferenzen zurückgreifen zu müssen: Welchen Nutzen ziehe ich aus Karate? Wie kann Karate zu lernen helfen, die Gemeinschaft zu sichern? Wie erklärt mir Karate erschöpfend die Welt? Ein Nutzen liegt sicher in der Selbstverteidigung, auch wenn darin kein primäres Ziel des Karate-Trainings liegen muss. Ein anderer liegt in der Erfahrung des „Selbst“, d.h. konkret im körperlichen Erfahren dessen, was der Begriff des Spirituellen suggeriert, dieser aber als rein intellektuelle Zuschreibung nicht leisten kann.

Karate als „Performance“?

Karate wie auch Hula oder Haka sind ästhetische Formationen: Es ist mitunter schön, sie anzusehen oder selbst zu praktizieren. Sie sind „Performances“, aber sie sind kein Spektakel. Das ist das „Mehr“ des Karate, gegenüber dem Fußball bspw. abgewertet wird. Karate/ Hula/ Haka sind performativ, d.h. sie werden dadurch erfahrbar, daß man tanzt bzw. eine Kata übt. Ist der Tanz getanzt bzw. die Kata beendet, ist sie als greifbare Formation nicht mehr vorhanden. Zurück bleiben die implizite Erfahrung und die körperlichen Zeichen der Performanz („drenched in sweat“). Dies ist m.E.n. das „eindrucksvolle Ganze“, das nicht mittels Fotographien von Sequenzen wiedergegeben werden kann. Das „Spirituelle“, also „Körper, Geist und Seele“ des Karate liegt in der unmittelbaren Erfahrung.

Es spielt daher eine eher nachgeordnete Rolle, ob Hula oder Haka nun Tekki „sind“. Sie sind es nicht, weil sich diese Aussage nicht belegen bzw. nachvollziehbar vermitteln lässt. Ihr performativer Charakter und ihre impliziten Vermittlungsstränge sind es, die eine tiefe Identifikation auf der Basis (ver)körperlich(t)er Erfahrung ermöglichen.

Somit ergibt sich:

Karate ≠ Tanz ≠ Spiritualität

∫(Karate) = ∫(Tanz) = ∫(Embodiment) = 1

 

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