Frieden und Stille…

Vor einigen Tagen sagte ich in einem Gespräch mit einem Teilnehmer meines regelmäßigen Trainings in Heidelberg, daß ich meinen Frieden gemacht hätte mit dem sportlichen Karate, wie es in Deutschland zu vielleicht 90% betrieben wird. Diese Aussage meinerseits erzeugt in mir ein wohliges Gefühl. Nicht so sehr, weil ich die entsprechenden Verbände nicht mehr kritisieren würde. Oder nicht weil ich plötzlich reifer geworden wäre. Sondern weil das Ziel meines Wirkens mittlerweile ein anderes ist. Ich habe in den vergangenen Monaten vieles geändert. Z.B. meine Präsenz in den Social Media zu reduzieren, da die Vielzahl von Selbstdarstellungen dort mittlerweile ebenso nichtssagend sind, wie das, was auf den Webseiten der ersten und zweiten Generation über Budo zu finden war (und bis heute ist).

Meine ursprüngliche Intention war es (und die wurde vor mittlerweile 15 Jahren ins Leben gerufen), dem sportlich orientierten Karate etwas zukommen zu lassen, das es meiner und anderer Meinungen nach verloren hatte. Das Stichwort lautete vor mehr als zwanzig Jahren bereits „Versportlichung“ (und war nicht meine Idee. Sorry, folks). Daraus resultierten u.a. Situationen wie diese: Nach einem Training bzw. einem Seminar bekomme ich direkt das Feedback, mein Training sei das erste gewesen, bei dem man keine Rückenschmerzen bekommen hatte. Meine anfängliche Freude darüber wurde sogleich dadurch zunichte gemacht, daß man nun aber in der kommenden Woche eine Kyu-Prüfung hätte, und da könne man das eben nicht so machen, wie ich gezeigt hatte. Anders gesagt: Jemand nimmt Gift ein, fühlt sich schlecht und geht zum Arzt. Der Arzt rät, das Gift nicht mehr einzunehmen. Nach einer Woche fühlt sich der Patient besser. Dann öffnet er erneut den Giftschrank, und… Genau!

Es geht mir dabei nicht darum zu behaupten, ich sei der einzige, der Karate verstanden habe. Vielmehr waren meine Erfahrungen mit nicht funktionierenden Techniken und ebenfalls Rückenschmerzen eine Erfahrung, die viele (auch mittlerweile ehemalige) Karateka teil(t)en. Und ich habe erfahren, daß das nicht so sein muss. Ich habe erfahren, daß Karate etwas sehr Inidviduelles sein kann, anstatt pauschal gegen den eigenen Körper zu arbeiten. Viele Übungen, durch die wir uns im Aufwärmtraining quälen, sind darüber hinaus veraltet, ihre Paradigmen längst auf der trainings- und kulturwissenschaftlichen Müllhalde gelandet. Der Habitus des Harten fand sich auch in den Techniken wieder, die mit wenig Rücksicht auf ihre organische Kompatibilität gelehrt wurden. Aber die habituellen, institutionellen und digitalen Zöpfe sind zu verfilzt, um sie noch abtrennen zu können. Jahr um Jahr sah ich meine Arbeit hinterfragt: „Was sagt denn der Kampfrichter dazu?“ oder „Das sieht aber dann nicht mehr gut aus.“ usw.

Ich sah mich auch in den Bereich des Kyusho-Jitsu gedrängt, da meine Körperarbeit und die daraus resultierenden funktionalen Grundlagen mit dem gleichgesetzt wurden, was in jenem „Kyusho-Jitsu“ unterrichtet wurde. Äpfel sind immer noch ungleich Birnen, und nichts von dem, worauf ich Wert legte, fand ich in jenem „Kyusho“ wieder. Auch hier bemühte ich mich um Aufklärung, zuletzt in einem längeren Artikel darüber, wie jenes Kyusho-Jitsu in der Gegenwart konstruiert wurde. Es half nichts, denn die Zöpfe blieben so hart, daß man daran Brücken hätte aufhängen können. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Karate baut in Deutschland zu 90% auf sportlichem Traninig, Kinofilmen und urbanen Mythen auf (was rückwirkende Konstruktion von Traditionen und Geschichte bedeutet); ebenso das Judo, wie auch das Kungfu und Kempo (letztere beide wahrscheinlich zu 95%). Lest es mir von den Lippen: Bodhidharma (jap. Daruma) hat das Kungfu nicht erfunden! Und der Chinesenjunge Li hat nicht in der Weide unter dem Schnee das Judo-Prinzip erkannt. Es tut mir wirklich leid.

Was hat sich geändert? Wie beschrieben, habe ich Leute erreicht. Aber nur Wenige waren so inspiriert, wie ich es bin. Sie waren nicht an dem Punkt, an dem man bereit ist, das Bisherige zu hinterfragen und den nächsten Schritt zu tun. Selbst innerhalb unseres lokalen Dojos gab es übertriebenen Ehrgeiz, der einige so vergiftete, daß sie uns hintergehen zu können meinten. Leider ist das der Normalfall ggü. den Strömungen, die einen Unterschied machen wollen. Auch Andreas F. Albrecht, mit dem ich gemeinsam seit Jahren zusammenarbeite, musste diese Erfahrungen machen. Gemeinsam wollten wir andere Inhalte in den Mainstream einbringen. Dabei haben wir ebenfalls versucht, die Struktur partiell zu verändern.

Während der letzten Jahre kristallisierte sich dann der Grund heraus, der die Annährung an oder gar eine Zusammenarbeit mit dem politischen und sportlichen Karate unmöglich gemacht hatte. Nämlich zwei Dinge, die ich bei anderen Lehrern, Dojos und Gruppierungen finden konnte: Das eine ist das eigene Bemühen, der Wunsch und die „Lust“ im eigenen Karate bzw. der eigenen Entwicklung zu finden, anstatt Mindestanforderungen zu erfüllen, nur um der Zugehörigkeit zu einer abstrakten Struktur willen. Das andere findet sich in der Tatsache, daß Karate (Budo, Kampfkunst usw.) immer auf einer Beziehung mindestens zweier Menschen zueinander aufbaut. Selbstredend, daß hier die Ebene der körperlichen Auseinandersetzung gemeint ist. Aber dort passiert etwas, das sich jenseits des Abspulens irgendwelcher harten (also kämpferisch oder gar kriegerisch anmutenden) Teilbewegungen befindet. Und dort liegt das verborgen, was man beim Kyusho-Jitsu gerne können möchte. Oder was durch das Einbringen des populären Zen des späten 20. Jhdts. Karate zu einer Philosophie hatte machen sollen. (Weder der Buddhismus noch Karate sind eine „Philosophie“!)

Der erste Grundsatz hatte mich nach Japan und später zu weiteren Lehrern geführt, wo ich dem zweiten Grundsatz begegnete. Karate kann nur als Dialog zwischen menschlichen Organismen jene geschätze Kampfkunst sein, die einen besseren Menschen schafft. Dies zu begreifen war der schwierigere Teil. Während der vergangenen zweieinhalb Jahre konnte ich auf dieser Basis innerhalb einer kleinen Gruppe etwas vervollständigen, was ich heute als „mein Karate“ oder vielleicht sogar „meinen Stil“ bezeichnen könnte. (Auch wenn ich von letzterem absehe, denn ich verorte mich nach wie vor als dem Shushukan zugehörig.) Und dieses Karate ist schließlich das, welches ich immer machen wollte. Und nur dieses kann ich unterrichten, weitergeben und andere inspirieren. Hier liegt der Grund für die Probleme in der Vergangenheit: Den Unterschied zu sehen, anstatt die kleinste Gemeinsamkeit zu suchen, die sich ausschließlich in der Begrifflichkeit „Karate“ wiederfand, welche letztenendes nur ein leerer Signifkant ist. Mein Karate ist nicht dein Karate. Und wenn es dein Karate werden soll, musst du dich in meine Richtung bewegen. Warum ich mich nicht in deine Richtung bewege? Weil ich dort schon war. Und ich kein sportliches oder Verbands- oder wie auch immer -Karate machen möchte. Wir sind nicht gleich, wir sind verschieden. So einfach ist das.

Ist diese Stille nicht wunderbar..?