​Kampfkunst 4.0 – Oder wie die nächste Generation es nicht besser gemacht hat

The medium is the message.

Das bedeutet ganz allgemein gesprochen, daß jede Information bzw. ihre Botschaft in ihrem Inhalt durch das jeweilige Medium geprägt und damit verändert wird. Einige Sozial- und Kulturwissenschaftler gehen sogar so weit zu sagen, daß es im Grunde keine Information außerhalb des Mediums gibt und erst im Prozess der Vermittlung zustande kommt. Mit „Medien“ sind nicht nur die modernen, also vornehmlich die audiovisuellen und die digitalen Massenmedien, gemeint, sondern jegliches Medium, das zur Weitergabe von Inhalten dient. Dazu gehören populistische Aussagen wie auch wissenschaftliche Forschungssettings, Fakten genauso wie Fake-News. Sie alle tragen den „Geschmack“ des Verfassers in sich. Und jener Geschmack prägt die vermittelte Information. Daraus muss folgen, daß der Inhalt – die eigentliche Information – nicht (mehr) relevant ist, es also keine objektive Wahrheit gibt, sondern daß Inhalte entsprechend der Absicht der Kommunizierenden gesetzt sind. Um es im Kontext der Kampfkünste zu formulieren: Auch Bewegung und deren Vermittlung unterliegen in ihrer Botschaft der Intention des jeweiligen Experten. Richtig oder falsch, für die Selbstverteidigung geeignet oder nicht, traditionell oder nicht, gesund oder nicht… Dies sind alles Kategorien, die nicht durch eine „wahre Kampfkunst“ irgendwann unumstößlich festgelegt wurden. Sie werden stets diskursiv ausgehandelt, in der Praxis, in Internetforen, Büchern, Videos, auf Seminaren und in den sozialen Medien.

Um das zu verstehen, musste ich nochmals zur Universität gehen und mich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit Medien und der Konstruktion sozialer Realitäten durch Materialisierungsprozesse beschäftigen. Darauf bauten auch meine Bachelorarbeit im Fach Religionswissenschaft sowie einige meiner Artikel in jüngster Zeit auf. Der Schluss, den ich aus diesen Erkenntnissen gewann, war ungemein befreiend. Es war zum einen – auch unter Einbezug weiterer religionswissenschaftlicher Theorien – nicht mehr notwendig, einen „wahren Wesenskern“ dessen zu finden, mit dem ich mich befasste. Solch ein Wesenskern ist immer ein Produkt medialer Kommunikation, also auch der Absicht des Kommunizierenden. Zum anderen wurde mir klar, daß die Diskussionen um die o.g. Kategorien, die vor allem im Internet geführt werden, ziel- und zwecklos sind. Und dementsprechend habe ich mich nach einigen zarten Versuchen, eine andere Denkweise anzusprechen, nicht weiter an solchen Diskussionen beteiligt. Denn auch ich habe als Teilnehmer des Diskurses einen eigenen „Geschmack“ dessen, was für mich „richtiges“ Budo ausmacht. Daher wurde es notwendig, die Genese meiner eigenen Position entsprechend zu überdenken und zu formulieren.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich nicht nur den Diskussionen online entzogen, sondern auch damit aufgehört, mich auf die gängige Weise auf Facebook oder Instagram zu präsentieren, also meine Auffassung nicht mehr durch einen spezifischen, digitalen Habitus darzustellen: z.B. Fotos im Dogi nach dem Training auf Facebook oder Instagram mehr o.ä. Ich bin zum Schreiben von Texten zurückgekehrt und stelle kurze Videos auf Youtube (viele davon gar nicht öffentlich zugänglich). Ansonsten berufe ich mich rein auf die körperliche Praxis des Trainings. Damit erzeuge ich meinen eigenen, am Zeitgeist gemessen etwas eigenwilligen Habitus und trage so dennoch zum Diskurs bei. Meiner Erfahrung nach kann sich „richtiges“ Budo nur durch eine konkrete körperliche Praxis einstellen, auch wenn die durch soziale Medien konstruierte soziale Realität natürlich nicht ignoriert werden kann. In vor-digitaler Zeit waren Bücher, Magazine und Lehr- wie auch Spielfilme nicht unerheblich an der Bildung unserer sozialen Kampfkunst-Realität beteiligt. Die digitale Technologie hat jedoch eine wesentlich höhere Reaktionsgeschwindigkeit ermöglicht. Und sie hat eine soziale Realität von Kampfkunst auf breiter Ebene ermöglicht, die nahezu ohne eine konkrete Praxis von kämpferischen Techniken und Gesten auszukommen scheint. Einfach ausgedrückt: Man muss heute nicht mehr Karate auf hohem Niveau beherrschen, um als „Meister“ zu gelten. Es genügt eine Facebook-Gruppe, ein Instagram-Account und die damit erzeugte mediale Blase. Das gab es – völlig richtig – bereits zuhauf vor dem Internet. Es hat sich aber digital vermehrt und vernetzt.

Ironischweise wird in digitalen Medien immer noch der Wesenskern von Kampfkunst gesucht und vermeintlich auch gefunden. Diese vielen Wesenskerne werden dann entsprechend online verhandelt. „Online“ ohne auf die Evidenz körperlicher Praxis zu rekurrieren. Das ist es, was ich mit „Kampfkunst 4.0“ bezeichne. Das ist nicht alles pauschal zu verurteilen. Wie bereits erwähnt, haben wir letztendlich alle unseren Weg auf der Suche nach jenem Wesenskern innerhalb unserer Budo-Karriere hinter uns oder sind noch mittendrin. Bezeichnend sind jedoch die Gegensätze der Lehrgebäude, die auf diesen Wesenskernen (oder Wahrheiten) und ihren digitalen Blasen aufbauen, und zwar die Gegensätze zur mittlerweile gut erforschten Geschichte der Kampfkünste einerseits, wie die vorherrschende Ignoranz ggü. der Gesundheit durch entsprechende Lehr- und Trainingsweisen andererseits, die die deutsche Kampfkunstszene prägen. Auch die Selbstverteidigung, die rechtlich, kulturell und historisch aus einem ganz engen Kontext stammt, hat heute ihre ganz eigene Auffassung über das Wesen der Gewalt und wie man sich ihr auf ziviler Ebene zu stellen hat.

Diese Gegensätze sollten angesichts der informationstechnologischen Möglichkeiten und relativen Einfachheit, auf einem kleineren Budget in entsprechende Länder zu reisen um Experten zu treffen und unter ihnen zu trainieren, nicht mehr bestehen. Allerdings hat die nächste Generation genau das verpasst. Während die Anfänge der Kampfkunst in Deutschland zu Beginn des 20. Jhdts. doch recht bescheiden waren (erste Generation), entstand die Kampfkunstszene in der Mitte des 20. Jhdts. überwiegend auf einer cineastischen und auf der Grundlage von Mythen (zweite Generation). Japanische oder chinesische Sprachkenntnisse waren kaum vorhanden, der deutschsprachige Buchmarkt überschaubar. Diese Generation hält bis heute an einem Wesenskern der Kampfkünste fest, der dem Wettkampf eine spirituelle Wirkmacht zuschreibt und diesen zur Tradition stilisiert, obwohl es sich hierbei nur um einen kleinen Ausschnitt dessen handelt, was man darüber hinaus in der Kampfkunst finden kann. Man sieht sich an Platons Höhlengleichnis erinnert. Die dritte Generation konnte – zumindest im Erwachsenenalter – bereits auf einen besseren Fundus an Quellen zurückgreifen, was jedoch nicht in ausrechendem Maße aufgrund einer rückwirkenden Konstruktion von „Tradition“ stattfand. Die aktuelle (vierte) Generation, von denen die meisten digital Natives sein dürften, erfindet sich mit den sozialen Medien neu und aktualisiert die Traditionen der ersten und zweiten Generation auf digitaler Ebene. Im Ergebnis haben wir junge Menschen, die die „alten Werte“ hochhalten. Zugegeben sind die Karate-Traditionen der 1960er und 1970er mittlerweile auch alt genug dafür. Sie lassen sich aber kaum historisch fundiert an die Samurai Japans oder an irgendeinen Shaolin-Tempel zurückbinden. Am Ende zelebrieren zahllose Webseiten, Facebook-Seiten und Instagram-Accounts die Anbetung der Asche, zu der sich nur wenig neues Feuer gesellen kann.

Was ich bemängele, ist nicht ein angenommener Niedergang der Kampfkunst oder der Jugend. Sondern vielmehr bewerte ich nach wie vor das, was ich in der Praxis zu sehen bekomme. Und dahingehend hat sich leider seit der zweiten Generation wenig verändert – entweder aufgrund oder trotz der Möglichkeiten eines digitalen Zeitalters. Und so stehen vor allem in der deutschen Kampfkunstszene die „Realität“ der Praxis und die „Realität“ der Sozialen Medien weit, weit auseinander.